17.12.2025 - Waldhof Ambulante Betreuung

„Vom Suchen und Finden“

Heute werden Menschen in der Eingliederungshilfe gefördert und in ihrer Selbstbestimmung 
gestärkt. Das war nicht immer so. In DDR-Heimen erlebten Menschen mit Beeinträchtigung oft
Leid und Unrecht. Um diese Erfahrungen aufzuarbeiten, rief die Stephanus-Stiftung das Projekt 
„Erinnern und Anerkennen“ ins Leben.

Eine Seniorin tippt mit einem Finger auf die Tasten einer alten Schreibmaschine.© Manja Erdmann

Bei vielen älteren Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, die heute in Stephanus-Wohnangeboten leben, sind die leidvollen Erlebnisse, die sie in ihrer Kindheit und Jugend in DDR-Heimen erfahren mussten, bis heute präsent. Dazu gehören psychische Gewalt wie mangelhafte Bindungserfahrungen und Vernachlässigung, aber auch physische oder sexualisierte Gewalt. Seit Beginn des Jahres bietet „Erinnern und Anerkennen“ Raum, sich mit diesen leidvollen, teils auch traumatisierenden Erfahrungen auseinanderzusetzen. Möglich gemacht wurde es durch die Förderung der Erika Schwalbe-Riel Stiftung.

Ellen Ueberschär, Vorstandsvorsitzende der Stephanus-Stiftung betont: „Diese Erfahrungen gehören in die Mitte der Stiftung und es ist jederzeit möglich, darüber zu reden. Wenn das Bedürfnis entsteht, kann darüber gesprochen werden“. 

Am Projekt beteiligten sich insgesamt 14 Wohneinheiten an fünf Stephanus-Standorten in Berlin und Brandenburg, darunter auch der Waldhof Templin. „Lebe im Heute und bewahre auch das Vergangene“, resümiert Manja Erdmann nach einem knappen Jahr gemeinsamer Arbeit. Sie begleitete das Projekt auf dem Waldhof. Hier nähern sich Klient*innen übers Erzählen, Theaterspielen und künstlerischem Gestalten ihrer eigenen Lebensgeschichte. Die kreativen Angebote und die Biographiearbeit sollen dabei helfen, die Erlebnisse zu verarbeiten, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen und gestärkt daraus hervorzugehen. 

In einem Erzählcafé berichten Teilnehmer*innen von ihren Erinnerungen. Jörg-Uwe Krüger, bereits während der DDR Heilerziehungspfleger auf dem Waldhof, leitet die Gruppe. Die erinnerten Geschichten werden von einer Theatergruppe aufgegriffen. Im szenischen Spiel versetzen sich die Akteur*innen in die Vergangenheit, sie können sich ausprobieren, Szenen aus dem alltäglichen Leben nachstellen. Wie wurde früher eingekauft? Wie fühlt es sich nochmal an, auf einer Schreibmaschine zu tippen? Aus den einzelnen Szenen entsteht zurzeit ein Film, neben Manja Erdmann ist hier Matthias Runge, Heilerziehungspfleger auf dem Waldhof, maßgeblich beteiligt. „Wir haben auch viel gelacht, bei den Filmaufnahmen gab es allerhand lustige Momente“, erzählt Manja Erdmann.

In der Kunsttherapie auf dem Waldhof nutzen die Teilnehmer*innen Bilder, um auszudrücken, was Sprache nicht hinreichend vermag. „Über das Bildgeschehen kann ganz viel dargestellt werden“, erklärt die externe Kunsttherapeutin Santana Krause ihre Arbeit. Zwei Stunden pro Woche gehörten ganz den Teilnehmer*innen, ein Raum der Selbstbestimmung und -ermächtigung, in dem jeder künstlerische Ausdruck seine Berechtigung und Bedeutung hat. Meist wurde gemalt und gezeichnet, gelegentlich auch mit Ton gearbeitet oder genäht. Aufgrund der mangelhaften Bindungserfahrung in der Kindheit fällt es Teilnehmer*innen oft schwer Neues auszuprobieren. Ein verlässlicher Rahmen bietet hingegen Sicherheit. Selbst kleine Veränderungen wie der Wechsel von einem A4 auf ein A3-Format sind daher ein großer Schritt. Ein Fazit? „Kunsttherapie kann ganz viel auslösen, auch wenn es für die Außenwelt nicht sichtbar ist“, resümiert Santana Krause.

In Haßleben wurde im Haus „Im Sonnenwinkel“ ein besonderes Teilprojekt gefördert. Zusammen mit dem Filmemacher Andreas Wieland entstand der Film „Vom Suchen und Finden“. Drei Tage lang befragte Andreas Wieland Bewohner*innen nach ihren Erlebnissen in DDR-Heimen. Sie sprachen über ihre Lebensgeschichte, zeigten Erinnerungsstücke und beförderten bewegende Erlebnisse zutage. Sie sind die Hauptdarsteller*innen im Film und übernahmen zugleich wichtige Aufgaben am Set. Insgesamt waren 14 Bewohner*innen sowie einige Mitarbeiter*innen beteiligt. „Das Drehen war eine sehr berührende Erfahrung und im besten Sinne inklusiv“, schildert Andreas Wieland. „Für die Betroffenen bedeutete es eine große Wertschätzung, dass sie mit ihren Geschichten so in den Mittelpunkt gestellt wurden“. Am 16.01.2026 wird das Projekt in einer Filmpremiere auf dem Gelände der Stephanus-Stiftung in Berlin-Weißensee vorgeführt. 

Ziel von „Erinnern und Anerkennen“ ist auch, Mitarbeiter*innen für die spezifischen Themen zu schulen. So wurden Seminare zur Biographiearbeit angeboten, zum Umgang mit traumatischen Erfahrungen von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung und zur Behindertenhilfe in der DDR. Die positive Entwicklung in der Eingliederungshilfe, in der heute Teilhabe und Förderung im Vordergrund stehen, reflektieren die Mitarbeiter*innen durch das Projekt nochmal neu. Insgesamt blickt Manja Erdmann mit Dankbarkeit auf die letzten Monate: „Wir hatten besondere Momente, die wir gemeinsam erleben durften. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Vergleich mit heute waren sehr intensiv und erkenntnisreich“. Das Projekt „Erinnern und Anerkennen“ läuft bis zum 30.06.2026. 

Über den Waldhof Templin:
Auf dem großzügigen Gelände des Waldhofs der Stephanus-Stiftung wohnen, lernen und arbeiten Menschen mit und ohne Assistenzbedarf. In verschiedenen Wohnformen leben knapp 200 Personen mit unterschiedlichen Bedarfen und werden von rund 180 Mitarbeitenden betreut. In der Waldhofschule lernen Kinder mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam, die Schule bewirtschaftet außerdem ein großes Waldgebiet in Templin als Schulwald. Die Stephanus-Werkstätten halten vielfältige Bildungs und Arbeitsangebote für 305 Personen bereit. Auf dem Waldhof gibt es auch eine Gärtnerei und einen Hofladen. In diesem Jahr wurde der Waldhof 171 Jahre alt. 

Über Haßleben: 
In Haßleben leben „Im Sonnenwinkel“ 38 Menschen mit geistiger oder mehrfacher Beeinträchtigung in kleinen Wohn-Gemeinschaften zusammen. In diesem Jahr feierte das Haus sein 100. Bestehen. 

Über die Stephanus-Stiftung: 
Die Stephanus-Stiftung hat ihren Hauptsitz in Berlin und ist Mitglied im Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Mit ihren gemeinnützigen Tochtergesellschaften unterstützt sie knapp 10.000 Menschen in besonderen Lebenslagen an 140 Standorten in Berlin und Brandenburg. Mehr als 4.600 Mitarbeitende pflegen, begleiten, bilden, beraten Kinder, Jugendliche, Familien, Menschen im Alter, Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung sowie Geflüchtete. Zu den Angeboten von Stephanus zählen Wohnangebote und Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigung, Wohn- und Pflegeangebote für Senior*innen, Schulen, Kitas, Beratungsstellen und Hospizdienste. 1878 gegründet, hat sich die Stiftung mit ihren Angeboten stets den aktuellen Bedarfen der Gesellschaft angepasst und handelt heute nach den drei Leitprinzipien Nachhaltigkeit, Inklusion und Fachlichkeit.  

Weitere Informationen finden Sie unter www.stephanus.org.
Fotos Copyright: Manja Erdmann

Kontakt zur Pressestelle: Charlotte Biermann, Pressesprecherin
Mail: Charlotte.Biermann@stephanus.org
Mobil 0160 90 36 19 5

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